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Marie Jahoda-Lazarsfeld

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Geb. 26.1.1907, Wien
Gest. 29.4.2001, Sussex (GB)
 

 

Marie Jahoda wurde in einem assimilierten jüdischen Elternhaus in Wien geboren. Im Alter von fünfzehn Jahren trat sie - unter dem Einfluss von Paul F. Lazarsfeld, den sie in einer Ferienkolonie der berühmten Reformpädagogin Schwarzwald kennen gelernt hatte - dem sozialistischen "Wanderbund" bei, der später in der von Wagner und Lazarsfeld gegründeten Vereinigung Sozialistischer Mittelschüler aufging. Mit 19 Jahren wurde sie Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und entwickelte sich - als "Mitzi" Jahoda - in den folgenden Jahren zur politischen Aktivistin.

1926 nahm Marie Jahoda am neu gegründeten Pädagogischen Institut der Stadt Wien eine Ausbildung zur Volksschullehrerin auf und schrieb sich parallel dazu an der Universität in den Fächern Psychologie und Philosophie ein - eine wegen der engen personellen Verflechtungen beider Institutionen in den Personen des Ehepaares Bühler naheliegende Kombination.

Parallel zu ihrem Studium bei Charlotte Bühler war Jahoda im linken Flügel der SDAP und im Arbeitskreis sozialistischer Pädagogen politisch aktiv. Über ihren Mann Paul Lazarsfeld knüpfte sie auch enge persönliche Kontakte zur Spitze der Partei, u.a. auch zum damaligen Parteivorsitzenden Otto Bauer.

Anfang der dreißiger Jahre unterrichtete Jahoda als Hilfslehrerin an verschiedenen Wiener Schulen. Nach ihrer Entlassung aus dem Schuldienst, die mit ihrer "Konfessionslosigkeit" begründet wurde, war sie von 1931 bis 1932 kurzzeitig als Hilfsassistentin an dem von Otto Neurath gegründeten Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum tätig, das sich die Visualisierung komplexer wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Daten zum Ziel gesetzt hatte. Im Karl-Marx-Hof, in dem sie zusammen mit Paul Lazarsfeld zeitweilig wohnte, betätigte sie sich zusätzlich als Bibliothekarin in der zugehörigen Arbeiterbibliothek.

Ab 1933 war Marie Jahoda an der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle tätig, deren Leitung sie nach Lazarsfelds Entscheidung, Österreich bereits 1933 zu verlassen, übernahm. Weltberühmt wurde sie durch die mit Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel herausgegebene Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal" (1933), die die Auswirkungen lang dauernder Arbeitslosigkeit auf die betroffenen Menschen behandelte und bald zum "Klassiker" der modernen Umfrageforschung avancierte, der in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

Nach dem Februar 1934 und dem Verbot der SDAP schloss sich Jahoda den Revolutionären Sozialisten an; über ihre Forschungsstelle wurde auch ein Teil der Korrespondenz mit der emigrierten Parteiführung abgewickelt.

Im November 1936 wurde Marie Jahoda jedoch denunziert, während einer Polizeirazzia zusammen mit vielen ihrer Mitarbeiter verhaftet und im anschließenden Prozess zu drei Monaten Kerker und einem Jahr Schutzhaft verurteilt.

Nach massiven internationalen Protesten - die Marienthalstudie hatte weltweite Resonanz gefunden wurde Marie Jahoda vorzeitig aus der Haft entlassen, mit der Auflage Österreich innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Jahoda ging zunächst nach Großbritannien, zog 1945 in die USA, wurde 1949 zur Professorin für Sozialpsychologie an der New York University ernannt und kehrte 1958 nach Großbritannien zurück, wo sie 1965, als Höhepunkt ihrer akademischen Karriere, an der University of Sussex als erste weibliche Professorin in der Geschichte der britischen Sozialwissenschaften mit dem Aufbau einer sozialpsychologischen Abteilung betraut wurde.

Im Januar 2003 wurde unsere Schule, die VBS 16 (Vienna Bilingual School) Herbststraße 86, Marie Jahoda-Schule benannt.


Werke (Auswahl): Attitudes. Selected readings, 1966; Wieviel Arbeit braucht der Mensch? Arbeit und Arbeits-
losigkeit im 20. Jahrhundert, 1983; Freud und das Dilemma der Psychologie, 1985; Arbeitslose bei der Arbeit. Die Nachfolgestudie zu "Marienthal" aus dem Jahr 1938, 1989; "Ich habe die Welt nicht verändert". Lebenserinnerungen
einer Pionierin der Sozialforschung, 1997.

Literatur: Christian Fleck (Hrsg.), Marie Jahoda: Sozialpsychologie der Politik und Kultur - ausgewählte Schriften, 1995; Michael Kollmer (Hrsg.), Marie Jahoda, 2001; Franz Kreuzer (Hrsg.), Des Menschen hohe Braut - Arbeit, Freizeit, Arbeitslosigkeit, 1983; Reinhard Müller (Hrsg.), Marie Jahoda 1907-2001. Pionierin der Sozialforschung, 2002; Friedrich Stadler (Hrsg.), Vertriebene Vernunft, Bd. 2. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft, 1988.